Katharina Scholl

Katharina Scholl (Kirchbauinstitut)

„Spiel-Zwang?“ – Spuren der Freiheit im Gefängnis

Spiel und Zwang, Freiheit und Gefängnis, nichts könnte gegensätzlicher sein auf den ersten Blick und dennoch ergibt sich bei näherem Hinsehen ein Zusammenhang zwischen dem scheinbar Unvereinbaren. Die Institution Gefängnis ist angewiesen auf Momente des Spielerischen, weil allein durch Rollendistanz ermöglichendes Spiel zur Darstellung kommen kann, dass die Rollenaufteilung zwischen dem Stab und den Gefangenen nicht essentieller, sondern dramaturgischer Natur ist und die Institution ohne Momente des Spielerischen über kurz oder lang an ihrer eigenen Hermetik zugrunde gehen würde. Es bedarf der spielerischen Überschreitungen der geltenden sozialen Ordnung, wie bsw. bei den Jahresfeiern, den Anstaltszeremonien oder beim Laientheater, um das ausgeschlossene Andere der Institution, das Erlebnis einer egalitären Gemeinschaft, temporär in die Gefängnismauern einziehen zu lassen. Vergleichen lassen sich diese Momente mit den archaischen Formen des Karnevals, bei dem die normale Ordnung der Dinge temporär auf den Kopf gestellt werden mit dem Ziel, das durch die Ordnung gefesselte Urchaos, welches einerseits Feind der Ordnung und andererseits Quelle ihrer Energie ist, temporär zu entfesseln und diese Kräfte dann in eine Neufundierung der Ordnung einzubringen. Die Religion könnte im Strafvollzug eine ähnliche Funktion einnehmen, insofern Seelsorge und Gottesdienst elaborierte Orte der imaginativen Arbeit an der Rollendistanz des Einzelnen darstellen und so das ausgeschlossene Andere der Institution temporär zu integrieren vermögen.

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