Thomas Erne

Thomas Erne (Direktor des EKD-Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart)

Spieltheorie, Kreativität und Erziehung. Einige Anmerkungen zu Michael Hampes neuem Buch „Die Lehren der Philosophie“

1. Einer der ersten prominenten Spieler der Menschheit war Sokrates – das ist die Ausgangthese des Züricher Philosophen Michael Hampe in seinem neuen Buch, Die Lehren der Philosophie. Sokrates will frei, authentisch und experimentell mit anderen zusammen denken. Sokrates erklärt nichts, er behauptet nichts, er verallgemeinert nicht, er treibt keine Erkenntnistheorie und keine Wissenschaft, sondern er will andere hineinziehen in eine authentische und souveräne Reaktion auf die Welt, in der jeder bei sich und seiner eigenen Erfahrung bleibt.

2. Dieser sokratische Impuls aber hat es schwer. Schon Platon, der ihn für uns bewahrt, verstellt in zugleich. Plato macht aus dem sokratischen Spiel des Denkens ein System: den Platonismus Die Attraktivität solcher Systeme liegt auf der Hand: Sie bieten einen umfassenden und verallgemeinerbare Erklärungen, die den Anspruch erheben, unabhängig vom Einzelnen und seiner konkreten Situationen immer wahr zu sein. Der Platonismus macht das sokratische Spiel, die nicht-doktrinäre Philosophie überflüssig und extrem unwahrscheinlich.

3. Nun könnte man meinen, dass in postmodernen Zeiten der sokratische Impuls wieder aufblüht. Die Auflösung der Großerzählungen, die uns die Welt in einen stimmigen Zusammenhang bringen, ist vorbei. Neue Spielräume für ein experimentelles Denken müssten entstehen.

4. Hampe bestreitet aber, dass es je eine Postmoderne im Sinn einer Auflösung einer einheitlichen Großerzählung geben habe. Man muss nur an der richtigen Stelle suchen und die, so Hampe, ist die mathematische Modellierung der Wirklichkeit, deren Inbegriff die Spieltheorie ist, die menschliches Verhalten verallgemeinerbar und prognostizierbar macht.

5. Nun kann sich dieser mathematischen Modellierung der Wirklichkeit, die in Form naturwissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer technischen Umsetzung höchst erfolgreich unseren Alltag bestimmt, kaum jemand in dieser Gesellschaft entziehen (kein Zufall, dass Mathematik, nicht Kunst unverzichtbares Pflichtfach für jeden Abiturienten ist), aber die Aufgabe der Kunst, Religion und experimentellem Denkens könnte es in dieser Situation sein dafür zu sorgen, dass Menschen die Fähigkeit erwerben mit Begriffen wie mit Sprache, Musik, Kunst, Religion experimentell und spielerisch umzugehen, um authentisch auf die eigenen Erfahrungen zu reagieren und die Gesellschaft in Richtung auf eine Assoziation freier Individuen zu verändern.

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